Bankiers bei Ablehnung

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Ablehnung ist ein allgegenwärtiger mentaler Abwehrmechanismus. Dazu gehört das Verdrängen von schlechten Nachrichten, unangenehmen Informationen und angstauslösenden Erfahrungen. Der deutschen Presse nach zu urteilen, befindet sich die Nation in einem Zustand der Verleugnung, was die schwindende Gesundheit ihrer Wirtschaft und das schwindende Vermögen ihres Geldsystems angeht.

Die Commerzbank, Deutschlands viertgrößtes Kreditinstitut, sah ihre Aktien um mehr als 80 Prozent auf ein 19-Jahres-Tief abstürzen, nachdem sie ihre Rückstellungen für Kreditausfälle erhöht hatte, um die von der Flut überschwemmten ostdeutschen Finanzverbindlichkeiten abzudecken. Angesichts des schieren Rückgangs der Nettoeinnahmen reagierte das Unternehmen reflexartig mit der Entlassung weiterer Mitarbeiter. Die Aktien zahlreicher anderer deutscher Banken notieren unter dem Buchwert.

Die Dresdner Bank – das drittgrößte private Institut in Deutschland – hat allein in diesem Jahr bereits ein Fünftel ihrer Belegschaft entlassen. Andere prominente deutsche Banken – wie die Deutsche Bank und die Hypovereinsbank – haben sich mit dem Verkauf von Aktienportfolios, Immobilien, nicht zum Kerngeschäft gehörenden Aktivitäten und verbrieften Vermögenswerten beunruhigt, um ihre kränkelnden Gewinnmeldungen zu verbessern. Die Deutsche Bank zum Beispiel trennte sich von ihrem US-Leasing- und Depotgeschäft.
Am 19. September änderte Moody’s seinen Ausblick für die größten deutschen Banken von “stabil” auf “ungünstig”. In einer vernichtenden Bemerkung hieß es:

” Die Rating-Agentur hat bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass die bestehenden schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen, die das Bankgeschäft in Deutschland beeinträchtigen, auf das Erbe früherer Strategien zurückzuführen sind, die sich weniger auf die Stärkung der Ertragskraft der Banken konzentrierten. Zweifellos gehören die deutschen Privatbanken als Gruppe zu den am schlechtesten abschneidenden europäischen Großbanken.”
In der vergangenen Woche hat das weltweit tätige Unternehmen Fitch Rankings dasselbe getan und die langfristigen, kurzfristigen und spezifischen Ratings der Dresdner Bank und der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank (HVB) gesenkt.

Dies waren nur die letzten in einer Reihe von negativen Ausblicken, die sich auf deutsche Versicherer und Banken bezogen. Es ist paradox, dass Fitch die “Baisse an den Aktienmärkten (anführt), die ihren Tribut nicht nur bei den Trading-Ergebnissen, sondern auch beim Absatz an Privatkunden, bei der Fondsverwaltung und bei der Unternehmensfinanzierung gefordert hat.”

Die Deutschen waren früher unempfänglich für die Börse und ihre Verlockungen, bis sie in der rasenden internationalen Aktienblase gefangen waren. Moody’s bemerkt augenzwinkernd, dass “ein Produkt und ein stabiles Einzelhandelsgeschäft in seinem Heimatmarkt, selbst wenn es eher mäßig erfolgreich ist, eine verlässliche Verteidigungslinie gegen kurzfristige Schwierigkeiten auf den Finanz- und Großhandelsmärkten darstellen kann und wird.”

Der technologiebeladene und skandalumwitterte Neue Markt – Europas Antwort auf die amerikanische NASDAQ – sowie die Börse für Small Caps SMAX wurden kürzlich geschlossen, wobei letztere seit März 2000 sage und schreibe 96 Prozent ihres Wertes verloren hat. Im Vergleich dazu hat der britische AIM “nur” die Hälfte seines Wertes verloren. Selbst der berühmt-berüchtigte britische FTSE-TechMARK verlor “nur” 88 Prozent an Wert.

In diesem Jahr ging nur 1 Unternehmen an den Neuen Markt – gegenüber mehr als 130 vor 2 Jahren. In einem beispiellosen “Misstrauensprogramm” zogen im vergangenen Jahr mehr als 40 Unternehmen ihre Börsennotierung zurück. Die Duetsche Börse versprach, zwei neue Aktiengattungen an der Frankfurter Börse zu entwickeln. Mit Verspätung schwor sie, ausländischen Anlegern mehr Transparenz und Offenheit zu bieten.
Tatsächlich wurden Banken von verärgerten Verbrauchern beschuldigt, bei der Notierung ungeeigneter Unternehmen geholfen und betrügerische Beratungsleistungen erbracht zu haben. Gegen Banken wie die Commerzbank sind Klagen anhängig. Diese Verfahren könnten das Vorhaben der Bank, vom Privatkundengeschäft ins Privatkundengeschäft zu wechseln, überstürzen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Deutschland nach wie vor von einer Flut von Unternehmensinsolvenzen heimgesucht wird. Die längst überfällige Restrukturierung, obwohl langfristig vorteilhaft, hätte aus Sicht der Banken zu keinem schlechteren Zeitpunkt erfolgen können. Enorme Vorkehrungen und Abschreibungen haben ihre Kapitalbasis unersättlich aufgezehrt, während die laufenden Gewinne sogar eingebrochen sind. Dieser doppelte Wermutstropfen hat die Vorteile ihrer schmerzhaften Kostensenkungsmaßnahmen mehr als zunichte gemacht.
Die deutschen Banken pflegen – nicht anders als die japanischen – inzestuöse Beziehungen zu ihren Kunden. Als sie im April endgültig zusammenbrach, schuldete die Philip Holzmann AG der Deutschen Bank, mit der sie seit mehr als einem Jahrhundert freundschaftlich zusammenarbeitete, Milliardenbeträge. Allerdings besaß die Bank auch 19,6 Prozent des maroden Baukonzerns und hatte den Vorsitz im Aufsichtsrat inne – Relikte früherer chaotischer Rettungspakete.

Deutschland konkurriert mit Österreich bei der Überverzweigung, mit Japan bei der Übersäuerung von Vermögenswerten und mit Russland beim Overhead. Nach Angaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung liegt das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag bei den deutschen Banken bei 90 Prozent. Massenpleiten und Zusammenschlüsse – freiwillig oder erzwungen – sind unvermeidlich, insbesondere im Genossenschafts-, Bauspar- und Sparkassensektor, so die Schlussfolgerung des Papiers. Der Prozess ist ein Jahrzehnt alt. Mehr als 1500 Banken sind in dieser Zeit aus der deutschen Landschaft verschwunden. Weitere 2500 verbleiben, womit Deutschland immer noch zu den Ländern mit den meisten Überbanken in der Welt gehört.

Moody’s misst den Kostensenkungsmaßnahmen der deutschen Banken wenig Bedeutung bei. Der eingeschlossene Wettbewerb und eine “realistischere Preisgestaltung” bei Krediten und Dienstleistungen sind für ihre schrumpfenden Gewinne viel entscheidender. Aber “das Licht am Ende des Tunnels ist noch nicht zu sehen … und die schwierigen Marktbedingungen werden wohl vorerst anhalten.”

Der beklagenswerte Zustand des deutschen Währungssystems zeigt nicht nur Deutschlands wirtschaftliche Malaise – “Der Wirtschaftsexperte” nannte es das “kranke Männchen” Europas -, sondern auch sein erfolgloses Bemühen, die unübertroffenen Währungszentren London und New York zu imitieren und nachzuahmen. Es ist eine Absage an den Irrglauben, dass kapitalistische Modelle – und Institutionen – in ihrer Gesamtheit über kulturelle Barrieren hinweg verpflanzt werden können. Es ist ein unumstößlicher Beweis dafür, dass Geschichte – und die aus ihr hervorgegangenen Kernkompetenzen – immer noch von Bedeutung sind.

Als deutsche Versicherer und Banken beispielsweise in modische Dienstleistungen – wie das Internet und das Mobiltelefon – eindrangen, taten sie dies in einem Vakuum. In Deutschland gibt es kaum Investoren und Unternehmer nach amerikanischem Vorbild. Diese fehlgeleitete Methode führte zu einer erschreckenden Erosion der Stärke und der Kapitalbasis der tapferen Finanziers.

In gewissem Sinne ist Deutschland – und sicherlich seine östlichen Bundesländer – eine Nation im Übergang. Die Risikoscheu weicht der Risikobereitschaft in Form von Finanzanlagen in Aktien und Derivaten und Eigenkapital. Das Familieneigentum wird allmählich durch Börsennotierungen, importiertes Management, Fusionen, Aufkäufe und Übernahmen – sowohl freundliche als auch feindliche – verdrängt. Die Gesellschaftsverträge in Bezug auf Arbeit, Renten, die Rolle der Gewerkschaften, das Gleichgewicht zwischen Human- und Geldkapital und die Aufteilung von monopolistischen Marktnischen werden neu geschrieben.

Die globale Integration legt nahe, dass mit der Übertragung von Souveränität auf supranationale Einheiten das bequeme Verhältnis zwischen den Banken und der Bundesregierung auf allen Ebenen vorbei ist. Im vergangenen Oktober enthüllte der deutsche Finanzminister Hans Eichel von der OECD inspirierte Maßnahmen zur Bekämpfung der Geldwäsche, die höchstwahrscheinlich das Bankgeheimnis und die Privatsphäre der Kunden gefährden und damit dem deutschen – oft undurchsichtigen – Bankwesen schaden. Die ehemals ausufernden staatlichen Eingriffe werden nun von der Europäischen Union abgemildert oder schlichtweg verboten.

So werden die deutschen Bundesländer von der EU-Kommission gezwungen, ihre Gewährleistungen gegenüber den Landesbanken und Sparkassen aus diesem Grund teilweise für drei Jahre zu streichen. Die deutsche Diversifizierung nach Österreich und Mittel- und Osteuropa wird nur eine vorübergehende Atempause bieten. Mit der Vergrößerung der EU und der Aufnahme zumindest der Tschechischen Republik, Ungarns und Polens in den Jahren 2004-5 werden die deutschen Filialen dort wieder unter die kompromisslose Kontrolle der Kommission geraten.
Generell schnitten die Deutschen bei ihren extraterritorialen Bankgeschäften noch schlechter ab als die Österreicher. Weniger kosmopolitisch, mit weniger direktem Kontakt zu den Teilen des ehemaligen Habsburger Reiches und mit einer stagnierenden Binnenwirtschaft kämpfend, fiel es den deutschen Banken schwer, die mitteleuropäischen Banken so effektiv umzukrempeln, wie es etwa der österreichischen Erste Bank gelang. Sie sind zwar in Nischenmärkte für strukturierte Finanzierungen in Nordeuropa und den USA vorgedrungen, doch scheint es sich dabei eher um zufällige Ausflüge als um eine gezielte Verlagerung des Unternehmensschwerpunkts zu handeln.

Auf der glänzenden Seite stellte Moody’s – obwohl es einen ungünstigen Ausblick für das deutsche Bankwesen beibehält – im November 2001 die “intrinsische monetäre Stärke und vielfältige operative Basis” der Banken fest. Die Steuerreform und die zögerliche Einführung der privaten Altersvorsorge sind ebenfalls Auslöser für verhaltenen Optimismus.

Nach dem Kauf der Drsedner Bank durch die Allianz begrüßt Moody’s das Entstehen von Allfinanz-Konzepten – Finanzdienstleistungen aus einer Hand. Die deutschen Banken sind auch in der Lage, von ihren beträchtlichen finanziellen Investitionen in E-Commerce, Technologie und die Umstrukturierung ihrer Filialnetze zu profitieren.

Die Angst von 1929-1936 mag mit dem Desaster der Kapitalmärkte, insbesondere der Wall Street, begonnen haben – sie wurde jedoch durch den Zusammenbruch des verketteten globalen Bankensystems noch verstärkt. Heute ist die Welt viel stärker eingebunden. Der Zusammenbruch einer oder mehrerer bedeutender deutscher Banken kann alarmierende Folgen haben, und zwar nicht nur in der Euro-Zone. Dies stellt der IWF in seinem am 25. September veröffentlichten “World Economic Outlook” fest.

Die Deutschen weisen diese Prognose – und die medizinische Diagnose – mit Nachdruck zurück. Bundesbankpräsident Ernst Welteke – Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank – hat den größten Teil der vergangenen Woche damit verbracht, eine Krise des deutschen Bankwesens glaubhaft zurückzuweisen. Es handele sich lediglich um “strukturelle Probleme in der Schwächephase”, teilte er in einem Interview mit. Nichts, was die Schuldenkonsolidierung nicht lösen könnte.

Es ist diese ständige Weigerung, sich der Realität zu stellen, die am meisten beunruhigt. Kurz- bis mittelfristig werden die deutschen Banken den Sturm wohl überleben. Dabei werden sie ihren eisernen Griff auf dem heimischen Markt verlieren, da das Engagement der Kunden nachlässt und die ausländische Konkurrenz zunimmt. Wenn sie ihre Notlage nicht mit Ehrlichkeit und Aufgeschlossenheit angehen, könnten sie zu glorifizierten Back-Office-Verlängerungen der weltweiten Giganten degradiert werden.

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