Ökonomie – der vernachlässigte Zweig der Psychologie

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“Es ist unmöglich, irgendeine menschliche Handlung zu beschreiben, wenn man nicht die Suggestion beschreibt, die der Star in dem Reiz sieht, und auf die sich seine Reaktion schließlich richtet.”

Ludwig von Mises

Die Volkswirtschaftslehre ist – zum phantastischen Missfallen der Finanzexperten – einfach ein Zweig der Psychologie. Sie befasst sich mit spezifischem Verhalten und mit Massenverhalten. Einige ihrer Fachleute versuchten, ihre Natur als Sozialwissenschaft zu verschleiern, indem sie komplizierte Mathematik anwandten, wo gesunder Menschenverstand und direkte Experimente weitaus bessere Ergebnisse erbracht hätten.
Das Ergebnis war eine peinliche Scheidung zwischen der Wirtschaftstheorie und ihrem Gegenstand.

Dem Wirtschaftsstar wird unterstellt, dass er ständig an der logischen Verfolgung des Eigeninteresses teilnimmt. Dies ist kein realistisches Modell – lediglich eine hilfreiche Annäherung. Nach dieser neueren – logischen – Version der miserablen Wissenschaft verzichten die Menschen darauf, ihre Fehler methodisch zu vervielfältigen. Sie suchen nach der Optimierung ihrer Präferenzen. Auch Selbstlosigkeit kann eine solche Wahl sein.
Dennoch sind viele Menschen unter bestimmten Umständen nicht rational oder nur fast rational. Und die Bedeutung von “Eigeninteresse” als Streben nach der Befriedigung von Wahlmöglichkeiten ist eine Tautologie.
Die Theorie versagt bei der Vorhersage wichtiger Phänomene wie der “starken Reziprozität” – der Neigung, “wahnsinnig” Ressourcen zu opfern, um kommende Partner zu belohnen und Trittbrettfahrer zu bestrafen. Sie funktioniert sogar nicht, wenn es darum geht, einfachere Arten von offensichtlicher Selbstlosigkeit zu erklären, wie etwa gegenseitigen Altruismus (motiviert durch die Hoffnung auf gegenseitige humane Behandlung in der Zukunft).

Selbst das maßgebliche und allgemein anerkannte “Handbook of Experimental Economics” von John Hagel und Alvin Roth (Hrsg.) aus dem Jahr 1995 räumt ein, dass Menschen nicht gemäß den Vorhersagen grundlegender ökonomischer Theorien handeln, wie z. B. der grundlegenden Energietheorie und der Theorie der grundlegenden Stabilität. Zum Ärger der Ökonomen ändern die Menschen ihre Präferenzen auf unerklärliche und verrückte Weise. Dies wird als “Präferenzwende” bezeichnet.
Darüber hinaus sind die Entscheidungen der Menschen, wie ihre Wahlmöglichkeiten und Entscheidungen in sorgfältig durchgeführten Experimenten zeigen, unregelmäßig. Sie neigen dazu, die Kontrolle über ihre Handlungen zu verlieren oder zu zögern, weil sie der Gegenwart und der nahen Zukunft einen größeren Wert (d. h. ein größeres “Gewicht”) beimessen als der fernen Zukunft. Das macht die meisten Menschen sowohl unvernünftig als auch unberechenbar.

Entweder ist es nicht möglich, ein Experiment durchzuführen, um Theoreme und Meinungen in der Ökonomie rigoros und gültig zu testen – oder es ist etwas mit den intellektuellen Pfeilern und Modellen dieses Bereichs nicht in Ordnung.
Die neoklassische Wirtschaftswissenschaft hat an zahlreichen Fronten gleichzeitig versagt. Dieses mehrfache Scheitern führte zu Elend und zur Überprüfung fundamentaler Grundsätze und Lehren.

Betrachten Sie diese Beispiele von beeindruckenden Bedenken:

Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsstars und -vertretern wird den Regierungen in der Wirtschaftstheorie ein Sonderstatus eingeräumt und eine Sonderbehandlung zuteil. Der Staat wird abwechselnd als Heiliger dargestellt, der selbstlos das gesellschaftliche Wohlergehen maximieren will – oder als der Bösewicht, der seine Macht rücksichtslos erhalten und ausbauen will, wie es die Public-Choice-Theorien vorsehen.

Beide Ansichten sind Karikaturen der Wahrheit. Regierungen versuchen tatsächlich, ihren Einfluss aufrechtzuerhalten und zu vergrößern – aber sie tun dies meist, um die Einnahmen umzuschichten, und fast nie zur Selbstbereicherung.
Auch die Wirtschaftswissenschaften haben bis vor kurzem aufgehört, die Funktion der Innovation für Entwicklung und Fortschritt zu erklären. Die Disziplin hat typischerweise die besondere Natur von verständnisvollen Branchen (in denen die Erträge eher steigen als sinken und Netzwerkeffekte vorherrschen) außer Acht gelassen. Daher ist das bestehende ökonomische Denken völlig unzureichend, um mit Informationsmonopolen (wie Microsoft), Kursabhängigkeit und allgegenwärtigen externen Effekten umzugehen.
Traditionelle Kosten-Nutzen-Analysen funktionieren nicht mehr, wenn es um langfristige Investitionshorizonte (d.h. Laufzeiten) geht. Ihre versteckte Annahme – die Zufallskosten des verzögerten Konsums – versagt, wenn sie über die finanzielle Lebenserwartung des Finanziers hinaus angewendet wird. Die Menschen sorgen sich weniger um die Zukunft ihrer Enkelkinder als um ihre eigene. Das liegt daran, dass Prognosen, die sich mit der fernen Zukunft befassen, in hohem Maße unvorhersehbar sind und die Anleger sich weigern, bestehende Entscheidungen auf unscharfe “Was-wäre-wenn”-Annahmen zu stützen.

Dies ist ein Problem, weil viele aktuelle Investitionen, wie z.B. der Kampf gegen die globale Erwärmung, wahrscheinlich erst in Jahrzehnten zu Ergebnissen führen werden. Es gibt keine zuverlässige Technik der Kosten-Nutzen-Analyse, die für solche Zeithorizonte geeignet wäre.
Wie werden Verbraucherentscheidungen durch Marketing und Preise beeinflusst? Darauf scheint niemand eine klare Antwort zu haben. Bei der Werbung geht es um die Weitergabe von Informationen. Sie ist aber auch ein Signal an die Kunden, dass ein bestimmter Artikel nützlich und qualitativ hochwertig ist und dass die Stabilität, die Langlebigkeit und der Erfolg des Vermarkters sicher sind. Werbung ist ein langfristiges Engagement für einen erfolgreichen Artikel durch ein Unternehmen mit tiefen Taschen. Deshalb reagieren die Kunden auf den Grad der visuellen Exposition gegenüber der Werbung – unabhängig von ihrem Material.

Der Mensch ist möglicherweise zu multidimensional und hyperkomplex, um von ökonometrischen Designs sinnvoll erfasst zu werden. Diese haben entweder keine Vorhersagekraft oder verfallen in rationale Fehlannahmen, wie den “omitted variable bias” oder “reverse causality”. Bei ersterem geht es um wesentliche, nicht berücksichtigte Variablen – bei letzterem um wechselseitige Verursachung, wenn jede Ursache auch durch ihr eigenes Ergebnis ausgelöst wird.
Dies sind Symptome einer allgegenwärtigen Verzweiflung. Wirtschaftsexperten sind sich einfach nicht sicher, was ihr Fach eigentlich ausmacht. Geht es in der Ökonomie um die Konstruktion und Prüfung von Konstruktionen nach bestimmten Standardannahmen? Oder sollte sie sich um die Auswertung von Daten auf der Suche nach neuen Mustern, Richtlinien und “Gesetzen” drehen?

Einerseits bilden Muster, die auf minimalen – oder, noch schlimmer, nicht wiederkehrenden – Datensätzen basieren, eine zweifelhafte Struktur für jede Art von “Wissenschaft”. Andererseits sind Modelle, die auf Annahmen beruhen, ebenfalls zweifelhaft, da sie zwangsläufig durch neue Entwürfe mit brandneuen, hoffentlich verbesserten Annahmen ersetzt werden.

Ein Weg aus diesem offensichtlichen Schlamassel besteht darin, die menschliche Kognition (d.h. die Psychologie) in den Mittelpunkt der Wirtschaftswissenschaften zu stellen. Wenn man davon ausgeht, dass das Menschsein eine unveränderliche und wissbare Kontinuität ist, muss man es wissenschaftlich behandeln können. “Möglichkeitstheorie”, “Theorien der begrenzten Rationalität” und die Untersuchung der “Rückschauveranlagung” sowie anderer kognitiver Defizite sind die Ergebnisse dieser Methode.
Um als Wissenschaft anerkannt zu werden, muss die ökonomische Theorie die folgenden kumulativen Bedingungen erfüllen:

  • Allumfassend (anamnetisch)
  • Sie muss alle Wahrheiten, die über wirtschaftliches Verhalten bekannt sind, beinhalten, integrieren und einbeziehen. Kohärenz– Sie muss chronologisch, strukturiert und kausal sein. Sie sollte z.B. erörtern, warum eine bestimmte Finanzpolitik bestimmte wirtschaftliche Ergebnisse verursacht – und warum.
  • Konsistenz– Sie sollte in sich konsistent sein. Ihre “Untereinheiten” dürfen sich nicht widersprechen oder der übergeordneten “Theorie” zuwiderlaufen. Sie sollte auch den beobachteten Phänomenen folgen, sowohl denjenigen, die mit der Wirtschaft zusammenhängen, als auch denjenigen, die sich auf nicht-wirtschaftliches menschliches Verhalten beziehen. Sie muss mit Irrationalität und kognitiven Defiziten adäquat umgehen können.
  • Rationale Kompatibilität – Sie darf nicht gegen die Gesetze ihrer internen Logik und die Regeln des Denkens “da draußen”, in der realen Welt, verstoßen.
  • Einsichtsfähigkeit – Sie muss Bekanntes in ein völlig neues Licht rücken, Muster und Regeln aus großen Datenbeständen herausfinden (“Information Mining”). Ihre Einsichten müssen die unvermeidliche Schlussfolgerung aus der Argumentation, der Sprache und der Entwicklung der Theorie sein.
  • Ästhetik – Die Wirtschaftstheorie sollte sowohl plausibel als auch “ideal” sein, verblüffend (visuell), nicht schwerfällig, nicht umständlich, nicht alternativ, glatt usw.
  • Parsimonie– Die Theorie muss ein Minimum an Annahmen und Einheiten verwenden, um ein Maximum an beobachteten finanziellen Verhaltensweisen zu erklären.
  • Erklärungskraft– Sie muss das Verhalten von Finanzstars, ihre Entscheidungen und die Gründe für die Entwicklung von Finanzereignissen auf diese Weise erklären.
  • Prädiktive (prognostische) Fähigkeiten – Die Wirtschaftstheorie muss in der Lage sein, künftige wirtschaftliche Ereignisse und Trends sowie das künftige Verhalten von Wirtschaftsstars zu antizipieren.
  • Präskriptive Befugnisse – Die Theorie sollte politische Rezepte hervorbringen, so wie die Physik die Technik hervorbringt. Finanzexperten sollten “wirtschaftliche Innovationen” entwickeln – eine Reihe von Werkzeugen, Entwürfen, allgemeinen Regeln und Systemen, die die Macht haben, die “Finanzwelt” zu verändern.
  • Durchsetzung – Sie muss von der Gesellschaft als das wirksamere und direktere Ordnungskonzept im wirtschaftlichen Bereich des menschlichen Verhaltens verstanden werden.
    Elastizität– Die Wirtschaftstheorie sollte die Fähigkeit besitzen, sich selbst zu ordnen, umzustrukturieren, neu entstehenden Ordnungen Raum zu geben, brandneue Informationen leicht aufzunehmen und starre Reaktionen auf Angriffe von innen und außen zu verhindern.

Zahlreiche gegenwärtige Wirtschaftstheorien erfüllen diese kumulativen Anforderungen nicht und sind daher lediglich verklärte Erzählungen.
Doch die Erfüllung der oben genannten Bedingungen reicht nicht aus. Wissenschaftliche Theorien müssen auch die entscheidenden Hürden der Überprüfbarkeit, Verifizierbarkeit, Widerlegbarkeit, Falsifizierbarkeit und Wiederholbarkeit überwinden. Viele Finanzexperten gehen jedoch so weit zu behaupten, dass es keine Experimente geben kann, um die Aussagen von Wirtschaftstheorien zu überprüfen.
Es ist aus 4 Gründen schwierig – möglicherweise unmöglich – Hypothesen in den Wirtschaftswissenschaften zu testen.

Ethisch– Experimente müssten an menschlichen Versuchspersonen durchgeführt werden, ohne dass die Gründe für die Experimente und deren Ziele bekannt sind. Oft muss sogar das tatsächliche Vorhandensein eines Experiments geheim gehalten werden (wie bei Doppelblindversuchen). Einige Experimente können unangenehme Erfahrungen beinhalten. Dies ist moralisch unerwünscht.

Probleme bei der Planung – Die Planung von Experimenten in den Wirtschaftswissenschaften ist unangenehm und schwierig. Fehler sind in der Regel unvermeidlich, auch wenn der Versuchsplaner noch so aufmerksam und akribisch ist.
Das psychologische Unschärfeprinzip – Die bestehende Einstellung einer Versuchsperson kann (theoretisch) vollständig bekannt sein. Der Lauf der Zeit und oft auch das Experiment selbst wirken sich jedoch auf die Versuchsperson aus und verändern ihren Gemütszustand – ein Problem, das in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur als “Zeitinkonsistenzen” bezeichnet wird. Die eigentlichen Prozesse des Messens und Beobachtens wirken auf das Subjekt ein und verändern es.
Individualität – Experimente in den Wirtschaftswissenschaften sind aus diesem Grund in der Regel einzigartig. Sie können nicht wiederholt werden, selbst wenn die exakt gleichen Themen einbezogen werden, einfach aufgrund der Tatsache, dass kein menschliches Thema für lange Zeit das gleiche bleibt. Die Duplizierung der Experimente mit anderen Probanden stellt den klinischen Wert der Ergebnisse in Frage.

Zu wenig prüfbare Hypothesen – Die Finanztheorien generieren keine ausreichende Anzahl von Hypothesen, die einer klinischen Prüfung unterzogen werden können. Dies hängt mit der unglaublichen (d.h. erzählerischen) Natur der Disziplin zusammen.
In dieser Hinsicht hat die Wirtschaftswissenschaft eine Affinität zu einigen Privatsprachen. Sie ist eine Art Kunst, und als solche ist sie selbständig und in sich geschlossen. Wenn bestimmte strukturelle, interne Zwänge und Anforderungen erfüllt sind, gilt eine wirtschaftswissenschaftliche Aussage als wahr, auch wenn sie nicht den äußeren (wissenschaftlichen) Anforderungen entspricht. So wird die Standard-Energietheorie in den Wirtschaftswissenschaften trotz frustrierender empirischer Gegenbeweise als gültig angesehen – einfach weil sie anschaulich und mathematisch praktisch ist.

 

Wozu also sind finanzielle “Theorien” gut?

Wirtschaftliche “Theorien” und Erzählungen bieten ein organisierendes Konzept, ein Gefühl von Ordnung, Vorhersehbarkeit und Gerechtigkeit. Sie postulieren ein unaufhaltsames Streben nach mehr Wohlstand und Energie (d.h. das Konzept der Entwicklung). Sie machen unsere ungeordnete Welt bedeutsam und geben uns das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Die Wirtschaftswissenschaft versucht, Antworten auf das “Warum” und “Wie” unseres Lebens zu geben. Sie ist dialogisch und autoritativ (d. h. sie liefert Verhaltensvorschriften). In bestimmten Methoden ähnelt sie den religiösen Überzeugungen.
In seinem Katechismus fragt der Gläubige (sagen wir, ein politischer Führer): “Warum … (und hier folgt ein finanzielles Problem oder Verhalten)”.

Der Ökonom antwortet:

“Der Umstand ähnelt dem nicht, weil die Welt launisch, unvernünftig und ungefähre ist – sondern weil … (und hier folgt eine kausale Erklärung auf der Grundlage eines ökonomischen Designs). Wenn du dies oder jenes tust, werden sich die Umstände zwangsläufig verbessern”.
Der Gläubige fühlt sich durch diese Erklärung und durch die ausdrückliche Bestätigung, dass es Hoffnung gibt, sofern er die Vorschriften befolgt, beruhigt. Sein Glaube an die Existenz einer linearen Ordnung und Gerechtigkeit, die von einem höchsten, transzendenten Konzept verwaltet wird, wird wiederhergestellt.

Dieses Gefühl der “Ordnung” wird noch verstärkt, wenn die Theorie zu Vorhersagen führt, die in Erfüllung gehen, entweder weil sie sich selbst erfüllen oder weil sich ein echtes “Gesetz” oder Muster herausgebildet hat. Leider ist dies nur selten der Fall. Wie “Der Wirtschaftsexperte” düster feststellt, haben Wirtschaftsexperten die entmutigendste Bilanz an gescheiterten Vorhersagen – und Verschreibungen.

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